Der Roller für jeden Tag – gerade für die schlechten

Wir sind immer noch in einer Zeit, in der Vespa-Roller fast mit Gold aufgewogen werden. Am besten Originallack, unberührt. Das lässt den Preis wachsen bis ins Fünfstellige, modellabhängig, versteht sich. Wer eine hat, schont sie wie seinen Augapfel. Udo Pötzinger (56), natürlich auch Mitglied der Scuderia Stelvio, liebt und Vespa. Er besitzt einige der Schätze – logisch: auch Originallack, unberührt. Darunter eine ganz spezielle. Mit einer speziellen Geschichte. Das ist seine Vespa für jeden Tag. Sonntagfrüh zum Brötchenholen kannst du sie hören, und du kannst fast die Uhr danach stellen, dass Udo und Sticker Hörnchen und Brötchen-Fassen fahren. Natürlich auch dann, wenn über 99,9 der Vespen Ruh ist: im Winter. Bei Eis. Schnee. Salz. Den natürlichen Feinden italienischen Blechs. Wie viele Alfasud wurden in den 70ern aus den Garagen gekehrt, wie viele Vespa-Rahmen von Salz vorbereitet und vom Rost zerfressen, als sie im Winterbetrieb kurz von der Leine gelassen wurden… 

Sticker heißt sie, wegen der vielen Aufkleber und Zahlen

Sticker heißt die VNB, Baujahr 1962, wegen der Aufkleber. Viele von denen auch schon mit einem Seltenheitswert wie der Roller selbst. Wer erinnert sich noch dran, als wir mit schwitzigen Fingern am Telefon saßen und nach Augsburg telefoniert haben? Teile geordert haben aus dem Rollershop-Katalog. Alle natürlich nicht für den Straßenverkehr zugelassen. Sticker heißt die VNB auch wegen der vielen Farben, die sie hat. Gekauft hat er sie „1992 in Rovereto, auf dem Schrottplatz. In einem Zweier-Paket von VNB. Die war eigentlich zum Ausschlachten gedacht“, erzählt er über die Zeit, die sich jeder, der Vespa liebt, zurückwünscht: Vespa im gebrauchsfähigen Zustand für kleinstes Geld an jeder Ecke – selbst vom Schrott.

Eine wird restauriert, einen Rahmen hängt er weg

Die eine VNB restauriert Udo Pötzinger und verkauft sie irgendwann – was er natürlich heute auch nicht mehr machen würde. Die hat vermutlich ein Sommerleben. Von der, die jetzt Sticker heißt, lackiert er nur den Rahmen einfach mal mit – und hängt ihn weg. „Von 1992 bis 2012 hing die in der Ecke. Und dann habe ich mir überlegt, dass ich einen Alltagsroller bräuchte. Einen auch für den Winter und für schlechtes Wetter. Was für die Arbeit, auf das ich nicht achten muss. Für Winter, Salz, Schnee und Regen.“ Weil er seine anderen Schätze mit klangvollen Namen wie Faro Basso, Struzzo, Primavera oder Rally natürlich nur bei Trockenheit auf die Straße holt. „Also habe ich mal nach Teilen gesucht und festgestellt: Alles, was ich brauche, habe ich. Komplett. Ich brauch’ die Teile nur überholen und wieder zusammenstecken.“

Ein bisschen mehr Dampf für Sticker

Für ein bisschen mehr Dampf wird aus dem 125er-Zweikanalblöckchen ein 177er Motor, der die üblichen – mageren – 4,5 PS so ungefähr alltagstauglich verdoppelt. „Läuft damit seit 2012“, sagt er. „Bis auf einen Simmerring, den ich 2015 mal tauschen musste. Materialfehler.“ Ab und an muckt mal ein Kondensator – die sind such nicht mehr so gut wie früher. Oder die Kerze. Die Vespa nutzt Udo Pötzinger nicht nur so wie andere einen Winterreifen: „Von O bis O, Oktober bis Ostern.“ Inzwischen hat der – ungeöffnete! – Motor rund 50.000 Kilometer runtergerockt. Auch das ist ein Wert, den die wenigsten auf einen einzigen Roller spulen. Als Winter noch Winter waren – ja, das ist so ein bisschen Beleg für den Klimawandel – fährt Udo bei „Spitzenwerten von minus 16 Grad“.

Kein Meter mehr ohne Scheibe

Wichtig für die Zeit, in der mit mehr Minus auf dem Thermometer – „spätestens wenn Schnee liegt, siehst du fast keinen mehr“ – die Zahl der Zweiradfahrer überproportional schrumpft, ist: „Die Scheibe. Die ist gigantisch. Unter null Grad möchte ich ohne sie keinen Meter fahren.“ Für den Gegenwert von zwei Maß Bier wechselt das Plexi-Teil von Ideal mit dem Sehschlitz einst in seinen Besitz. Ebenso unabdingbar: Die Sitzheizung in Form des braunen Wuschel-Flokatis. „Leg ich mir auf der Arbeit immer auf die Heizung, das hält dann wunderbar warm.“ Bis er wieder daheim ist. Was ebenso Pflicht ist: Die Winterreifen. Die haben dafür gesorgt, „dass es mich bislang nur einmal geschmissen hat. Bei mir im Hof.“ Logisch, dass er für die VNB auch Sommerreifen hat und die an Ostern wieder wechselt. Mit Zehn-Zoll-Sternfelgen, die eine ähnliche Patina haben wie die für den Winter.

Bloß kein Dampfstrahler

Mit Pflege – „bloß kein Hochdruckreiniger!“, sagt er  – des innen und im Spritzbereich der Räder mit Hohlraumwachs konservierten Rahmens im Frühjahr, „mit Stahlwolle und Stahlfix, um die Chromteile zu entrosten“ und Schmierdienst für die empfindlichen Stellen der Gabel ist die Alltags-VNB bereit die Zwischensaison zwischen Ostern und Oktober. „Und wo es eine neue Roststelle gibt, kommt ein bisschen Ovatrol zum Einsatz. Zum Konservieren.“ Bloß dann ist es hinter der Scheibe fast ein bisschen warm. Aber auch da sorgt sie dafür, dass Sticker ein Kumpel für jeden Tag ist – auch bei Regen. Wo: die meisten Roller stehen bleiben. Ein Durchfahrer eben. 365 Tage im Jahr.